1989

Hinterher sagen natürlich alle, sie hätten es kommen sehen - das Jahr 1989 mit all seinen Umbrüchen und großen Veränderungen. Aber stimmt das wirklich? Kam es einem damals nicht vor, als stünden die großen Machtblöcke da wie für die Ewigkeit gemauert, waren nicht vielmehr neue Repressionswellen in den Staaten des damaligen Ostblocks zu erwarten, alles andere jedenfalls als was dann tatsächlich geschah?
1989 sollte das Bicentennaire gefeiert werden, der 200.Jahrestag der Französischen Revolution, des Sturms auf die Bastille. Wir bekamen Ende 1988 einen Auftrag vom Kulturzentrum KAMPNAGEL in Hamburg, für die geplanten Feierlichkeiten am Rathausmarkt ein kleines Stück zu diesem Anlass zu entwickeln. Also machten wir uns ans Werk, an die Bühnenbearbeitung eines Gedichts von Georg Heym - 'BASTILLE'. Inszeniert haben wir das damals mit Schere, Stein und Papier, mit den Gegenständen und mit den Knobel-Handzeichen dazu.
Aus irgendeiner Eingebung heraus fanden wir ein einzelnes Revolutionsstück nicht ausreichend; eine kleine Trilogie dagegen könnte man auch nach dem 14.Juli hier und dort anbieten. Also holten wir die 'BOSTON TEA PARTY' und den 'ROTEN OKTOBER' auf unsere 'Kleinste Bühne der Welt': Revolution als schlechthin größtes historisches Thema (neben Krieg), das war eine schöne Herausforderung für unser Miniaturtheater.
'Ihr macht was zu Revolution? Das interessiert doch keine Sau!' - etwa so klangen die Kommentare vieler Bekannter und Kollegen, als sie Anfang 1989 von unseren Plänen erfuhren. Wir machten uns an die Arbeit, im Juni waren wir mit dem Bastille-Stückchen in den Endproben, da walzten Panzer in Peking  die Demonstranten  auf dem Platz des Himmlischen Friedens nieder. Und dann überschlugen sich die Ereignisse.
Es wackelte und bebte schon überall, als Ende September unsere kleine Trilogie auf Kampnagel Premiere hatte. Unter dem Eindruck des Mauerfalls  haben wir dem Werk dann noch eine Revolte aus den deutschen Bauernkriegen vorangestellt und einen Blick auf Leipzig/Berlin 1989 ('DAS GLÜCKLICHSTE VOLK DER WELT') gewagt. Im Winter 89/90 waren wir fertig - und stießen auf viele offene Türen. Innerhalb des nächsten Jahres haben wir das Stück sicher 50 mal gespielt und es sogar zu einer Kritik in der ZEIT, immerhin von Bejamin Henrichs, gebracht: "Ein seltener Spaß, frivol, rettungslos undeutsch, vor allem aber: von Minute zu Minute frappierend. ... fast noch Grotowski und benahe schon Hollwood."
Nun, die Geschichte geht - und ging auch damals - weiter. Anfang 1991 sagten unsere Bekannten und Kollegen: 'Revolution? Geht uns weg damit, wir können es nicht mehr hören!" Die Türen schlossen sich wieder, es gab nur eine kurze Wiederaufnahme 1998 (Jubiläum 1848), und dann verschwand das Stück im Koffer. Nein, nicht nur mangels Nachfrage, irgendwas stimmte auch  nicht mehr daran. Zunächst war es ja noch auf eine Weise originell gewesen, z.B. die Oktoberrevolution mit Streichhölzern und Streichholzschachteln zu minimalisieren (Lenin als Kaminstreichholz), doch das kam uns zunehmend wie ein Nachtreten vor. Geschichtserzählung, so unsere Erfahrung, hat einfach ein anderes Verfallsdatum als unsere sonstigen Erzählstoffe. (Im Übrigen gab es 1990 auch wohlmeindende Tips, doch jetzt mal was über Fußball zu machen - wie stünden wir damit heute da?)
Trotzdem hat uns 'Geschichte' nicht losgelassen.1992 entstand 'KOLUMBUS NACHFAHREN' als erste Produktion mit der SCHAUBURG am Elisabethplatz in München. 'PAPIER.KRIEG'  ist jetzt gut 2 Jahre alt - mit fast 70 Aufführungen und einem Thema, das uns und unser Land wahrscheinlich noch eine ganze Zeit lang begleiten wird.
(Fotos: Silke Goes, Hamburg)
*

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Blog-Archiv

Über uns...